Albanien 2017 – 3

Wie gesagt, es hätte so schön gemütlich werden können.
4 Kilometer vor dem Ziel, mitten in Muggia im abendlichen Berufsverkehr verstarb Verenas Roller und ging nicht wieder an.

Wir packen das Werkzeug aus und den Roller ab. Ich gehe auf die Suche nach dem verschollenen Zündfunken. Erfolglos. Ich kann ihn einfach nicht finden. Mit meinen bescheidenen Mitteln prüfe ich am Straßenrand Zündkerze, Stecker und Kabel. Nichts. Ich überlege was wir tun können und schlage Verena vor, Sie zum Campingplatz abzuschleppen. Entsetzen zeichnet sich ab in ihrem Gesicht. Noch niemals in einer solchen Situation gewesen ist sie sichtbar überfordert damit. Ich rede auf sie ein. Erkläre ihr was ich vorhabe und erkläre ihr die Theorie des Abschleppens eines Motorrades. Es überzeugt sie nicht wirklich aber Verena sieht ein dass wir jetzt, mittlerweile ist es früher Abend, auf dem Campingplatz deutlich besser aufgehoben sind für die weitere Fehlersuche.  Vermutlich würde das Aufsammeln über den ADAC doch etwas dauern und außerdem knurrt der Magen …

Wir starten einen Versuch auf dem Gehsteig. Ich binde zwei Spanngurte zusammen und befestige sie an der Enfield. Mehrfach um dem Frontgepäckträger gewickelt führe ich den Gurt um den Lenkkopf der Vespa herum zum Griff der linken Lenkerhälfte. Das geht soweit schon mal ganz gut und der erste Versuch ist vielversprechend.

Wir eiern los. Im Schritttempo geht es durch Muggia und glücklicherweise sind wir von geduldigen Verkehrsteilnehmern umringt. Kein Stress also. Zumindest für mich nicht. Nach kurzer Strecke erreichen wir einen einspurigen Tunnel mit roter Ampel. Wir warten ewig und was verdächtig erscheint, keiner steht hinter uns. Nach einiger Zeit zeigt uns ein interessierter Beobachter dass es hier kein Weiterkommen gibt, die Ampel wird nicht ergrünen … das ist wohl tageszeitabhängig … verdammt. Einen Alternativweg habe ich gerade nicht parat, mit dem Gespann über den steilen Kopfsteinpflasterberg werden wir nicht kommen. Wenden ist so auch sehr schwer. Plötzlich meint Verena: „Du die Ampel ist grün“. Wir starten durch und direkt nach dem wir durch den kurzen Tunnel hindurch sind schalten die Ampeln wieder um. Ich erinnere mich an eine Kamera auf der anderen Seite des Tunnels und vermute einen gnädigen Beobachter auf der Verkehrsleitzentrale. Ein Hoch auf die italienischen Verkehrsleitzentralen-Beobachter!

Wir schleichen weiter die Küste entlang in Richtung Camping. Plötzlich eine Straßensperre. Die Polizei regelt an einer Engstelle den Verkehr. Als die junge Polizistin uns weiter winken will erkennt sie plötzlich die Situation und ihre Augen werden größer. Es sei ganz streng verboten in Italien was wir da tun. Man dürfe auf gar keine Fall Motorräder mit eben solchen abschleppen. Geht gar nicht …  Ich stammle etwas wie „Oh Verzeihung, wusste ich nicht“ uns so weiter.   Als ich ihr erkläre wo wir hin wollen lenkt sie ein. Es sind ja nur noch ein paar hundert Meter. Wir sollen aber auf keinen Fall einem anderen Polizisten verraten dass sie uns durchgelassen hat. Ich bedanke mich freundlich, denke noch an die illegal an den Krädern befestigten Benzinkanister und meinen ECE freien Helm und schlingere weiter. Ich bin dieser jungen Frau wirklich sehr dankbar für ihre Kulanz.

Ohne weitere Probleme erreichen wir den Platz. Wir checken ein, bauen das Lager auf und gehen erst einmal was essen. Wir sind hungrig und kaputt. Auch sind wir voller Sorge über den weiteren Verlauf der Reise. Schließlich haben wir ein Fährticket für den nächsten Tag und die Fähre nach Albanien geht nur einmal die Woche.

Nach dem Essen beginne ich mit der Fehlersuche. Unter telefonischer Anleitung vom Hamster messe ich was das Zeug hält und wir diagnostizieren eine defekte Statorplatte. Die Zündspulen-CDI-Einheit bekommt keinen Strom. Da ich für diesen Fall nicht das notwendige Werkzeug habe bin ich erst einmal raus aus dem Spiel. Aber OK. Wir sind in Italien. Wenn nicht hier dann wo sollten wir Hilfe bekommen. Wir beschließen den Abend um uns dem Problem am nächsten Morgen zu stellen.

Während Verena am nächsten Morgen mit dem ADAC telefoniert und sich um die Verbringung des Rollers in eine Piaggio Werkstatt kümmert, versorge ich das Lager. Ich baue das Zelt ab und alles ein. Ich parke die Enfield und schichte Verenas Gepäck auf das Krad, dann noch die Moppedklamotten drauf und die Stiefel werden lässig daneben geparkt. Heute regnet es nicht sage ich scherzhaft zu Verena und schon ist auch der Abschleppwagen da.

In wilder Hatz geht es mit dem Abschlepper zu der nur 8 km entfernt liegenden Werkstatt. Wir sprechen bei Signore Orlando vor und erklären ihm unsere missliche Lage. Er schaut uns an, spricht kurz mit dem Mechaniker und meint nur, er werde sich darum kümmern. Sofern das benötigte Ersatzteil im Haus ist sieht er kein Problem. Das war um 10:00. Wir gehen spazieren, kaufen in einem Markt ein paar Sandwiches und suchen uns ein lauschiges Plätzchen für ein Frühstück.

Über der Stadt braut sich ein fettes Gewitter zusammen. Wir flüchten in eine Bar gerade noch rechtzeitig bevor die Welt scheinbar untergeht.  Das Café ist fein. Scheinbar trifft sich hier die Nachbarschaft um sich auszutauschen, Karten zu spielen und natürlich Espresso zu trinken. Die vornehmlich älteren Menschen kennen sich scheinbar alle. Sehr angenehm das.

Um 11:30 halten wir es nicht mehr aus und wir gehen in die Werkstatt zurück. Als wir im Büro von Signore Orlando auf eine Reaktion warten höre ich schepperndes Zweitaktgeknatter und sehe wie der Mechaniker mit Verenas PX zur Probefahrt aufbricht. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ein richtiger Felsklotz das könnt ihr mir glauben. Und mit 130 € ist das Ganze noch nicht einmal übermäßig teuer. Vielen Dank Signore Orlando, vielen Dank lieber Mechaniker, ihr habt uns mit eurem Einsatz unsren Urlaub in der geplanten Form gerettet.

Wir warten noch den extremen Platzregen ab und rollern zurück zum Camp. Überflutete Straßen überall, Schlammlawinen, da kam richtig was runter. Und auf dem Platz? Richtig, unser Gerümpel lag während des Gewitters ungeschützt im Freien. Natürlich alles nass. Die Lederklamotten triefen, Handschuhe können ausgewrungen werden und aus den Stiefeln läuft ein kleines Bächlein sobald sie umgedreht werden aber uns ist das egal. Wir sind glücklich das der Roller wieder rollt.

Stiefel mit Wasserkühlung …

Nun haben wir wieder Zeit. Wir nehmen ein verspätetes Mittagessen in dem wirklich guten Platzrestaurant. Küche können sie wirklich gut die Italiener. Wir packen unser feuchtes Gerümpel zusammen und machen uns auf den Weg zum 20 km entfernten Hafen. Wir haben noch über eine Stunde Zeit bevor wir in den Hafen gelassen werden und kaufen bei Lidl Italia noch etwas ein. Wurst Käse und Tütenwein, alles erstaunlich gut wie sich noch herausstellen wird. Wir werden zwei Nächte und einen ganzen Tag auf dem Schiff sein und entsprechend sind wir vorbereitet.

Das Büro von Adria Ferries in Triest befindet sich im Zollbereich des Hafens mitten im Holzlager. Maximal 25 Menschen samt ein paar PKW und eine Hand voll LKW checken ein. Die nächste Runde der Warterei beginnt. Die einzigen beiden Kräder werden am Kopf der Schlange einsortiert.

Mir fällt auf dass das in Österreich gekaufte Zweitaktöl von der Firma Eurolub stammt. Ein in Deutschland ansässiges Unternehmen für die ich 2016 in Las Vegas ein Messeprojekt realisiert habe.

Ein „Follow-Me“ Fahrzeug kommt und im Konvoi geht es durch den Zollhafen zur Sicherheits- und Zollkontrolle. Wir werden durchgewunken aber von fast jedem PKW wird mindestens ein Koffer kontrolliert. Als nächstes eine erneute Passkontrolle durch die Polizei bevor es endlich zum Schiff geht. Was mir auffällt, es wird durch die Security penibel darauf geachtet dass wir immer einen Helm tragen sobald wir auch nur ein paar Meter fahren. Sogar als wir in den Bauch des Schiffes hinein rollen müssen wir zwingend einen Helm auf der Rübe haben. An sich ist das ja OK aber so streng habe ich Italien nicht in Erinnerung. Auch in der Stadt, es ist praktisch nirgendwo ein Rollerer oder eine Rollerin ohne Helm zu sehen.

Wir werden als erste aufs Schiff gebeten, parken die winzigen Kräder in der riesigen Stahlhallen und beziehen unsere Kabine.

Nicht schön aber sehr ruhig und angenehm klimatisiert. Und dabei kostet die Fahrt Triest-Ancona-Durres mit Kabine weniger als Ancona-Igoumenitsa mit Deckspassage mit den klassischen großen Linien. Ich hoffe es wird diese Verbindung noch lange geben denn für uns ist sie optimal. Man kann das bezweifeln denn zumindest bis Ancona war das Schiff fast leer …

Es wird Abend im Hafen von Triest. Ich mag Häfen. Das Tor zur Welt …

Gegen 20:00 laufen wir aus in eine ruhige Nacht.

Wir machen es uns in der Kabine gemütlich bei einer leckeren Brotzeit. In das Bordrestaurant wollen wir heute nicht. Meistens ist das nämlich nicht so prickelnd auf den Fähren. Immer mal einen perfekten Café aus der Bar und der sehr gute mitgebrachte Rotwein. Wunderbar.

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