Der Matte Glanz russischen Chroms

Zitate aus „Dreiradgeschichten“ von Michael Huber

„Eines habe ich aber gut verstanden. Wer sich in Russland ein solches Motorrad
kaufte, hat damit nur eine Option erworben. Man schob das Werkstück wohl heim
und hoffte, nach und nach daran das zu tun, was gemeinhin ein Hersteller macht.
Nach einigen Wochen Nachtarbeit – hauptsächlich von Conny, denn ich habe eine
große Reise vorbereitet – tat die Maschine ihre ersten Umdrehungen. Das
Geräusch werde ich nie vergessen – wie Steine und Sand in einem
ausgeschlagenen Mixer. Aber es klang auch ein wenig Hoffnung mit und da war ja
auch noch irgendwo dieser verborgene Chrom. Ich bin mit diesem Geräusch in den
Ohren in das Flugzeug nach Kambodscha gestiegen und habe gehofft, dass ich
während des Flugs so etwas nicht zu hören bekomme …“

Das kommt mir bekannt vor …

„Das Fahren eines russischen Gespanns ist immer etwas anders. Auch wenn es
irgendwann relativ treu seinen Dienst tut, so liegt die Betonung doch ganz
entschieden auf dem Wort „relativ“. Pannen sind immer ungewollt und manchmal
ganz besonders unpassend. Aber mir ist bald klar geworden, dass sie immer
mitfahren und ich mich mit ihnen arrangieren muss. Am besten, man akzeptiert sie
als Überraschungen und versucht, das Positive in ihnen zu sehen. Nicht immer
einfach, wenn es gerade dunkel geworden ist und zu regnen beginnt …“

Überraschungen die ich auch gut kenne.

„Überflussgesellschaften konsumieren; in Mangelgesellschaften blüht die Kultur der
Erfindung. Auch in der Sowjetunion waren die Werktätigen oft gezwungen, sich die
Objekte ihrer Begierde selbst zu produzieren. Wer ein Motorrad wollte, konnte sich
eine Dnepr, Ural oder ISH kaufen. Wer ein funktionierendes Motorrad wollte,
musste an den erworbenen Wracks hart arbeiten.
Harte Arbeit geht besser von der Hand, wenn man sich mental in die richtige Stimmung versetzt und dazu sind diverse alkoholische Getränke trefflich geeignet.
Wenn aber außer den Ersatzteilen für die maroden Motorräder auch noch die
Getränke fehlen, wird die Situation untragbar. Der Genosse ist dann gezwungen,
Maschinenteile und motivierende Flüssigkeiten selbst herzustellen. Für die
Motorradteile gibt es Zeichnungen, nach denen man sie anfertigen kann. Für
berauschende Getränke gibt es Rezepte.“

Warum ich das hier zitiere? Weil ich russische Motorräder fahre beschraube …

Und zum Schluss, die Mutter aller Antworten. Entliehen von Don Harry

„Es gibt Menschen, die fahren moderne, zuverlässige Motorräder. Sie kaufen
sie bei ihrem Händler, den sie dann kaum wieder sehen. Vielleicht zu einer
Inspektion, aber was soll da schon gemacht werden? Öl ausgetauscht, das wie
neu aussieht und dann noch ein paar Fantasie-arbeiten, damit etwas auf der
Rechnung steht. Zündkerzen nach 100.000 km oder so. Und sie fahren und
fahren mit ihren schönen Maschinen. Alleine und immer geradeaus, denn es
hat jemand den Weg freigemacht.
Ganz anders hingegen der Besitzer eines russischen Motorrades. Ein Fahrzeug,
das fabrikneu auf dem Tiefpunkt seiner Existenz steht und einer
Wiederbelebung harrt. Schwarzes Öl tropft aus undichten Gehäusen, obwohl
die Maschine noch nie gelaufen ist. Liebevoll wird sie zu den ersten Umdrehungen
überredet, was in der Regel einige Monate dauert. Dann geht es
los, aber nie weit. Von wegen an Menschen und Landschaft vorbei! Nein,
mittendrin ist der Russenfahrer. Er pflegt Kontakte zu Herstellern von
Produkten, die es gar nicht mehr gibt. Lernt interessante Menschen kennen und
die ölige Seite unserer Gesellschaft. Kopfschütteln, wo immer er eine
Panne hat, dann interessierte Blicke und letztlich Schulter-klopfen,
Haribotütenknistern, Bierflaschenploppen. Angerauchte Zigarettenkippen
beginnen zu wandern. Greise schieben ihren Gehwagen auf die Straße und
beginnen von längst vergessenen Kriegen zu erzählen. Die Nachbarn nehmen
erstaunt zur Kenntnis, dass diese Leute überhaupt noch leben.
Die lange Vorfreude und das kleine Fest, wenn die wichtigen Ersatzteile
eintreffen. Oft sind sie zwar schlechter, als die kaputten, die man
weggeworfen hat, aber wie eindrucksvoll sind sie doch verpackt! In eine russische
Zeitung eingewickelt, bedruckt mit fremden Schriftzügen, die weites Land und
billigen Tabak erahnen lassen. Wodka sowieso. Oder unlängst diese seltsame
Wellendichtung – sogar mit chinesischen Schriftzeichen. Gedankenverloren ertappt
man sich dabei, wie man mit stinkendem Getriebeöl die fremdartige Schrift auf den
Garagenboden malt. So wird der Kontakt zu fremden Kulturen hergestellt –
spielerisch sozusagen. Gedichtet hat die Dichtung zwar nicht, aber wer wird denn
so spießig sein, wenn sich gerade ein neuer Horizont aufgetan hat!
Jetzt ‚mal ehrlich – was bedeutet ein Fahrzeug, das lediglich anspringt und
fährt im Vergleich zu einem derartigen Kulturgewinn?“

Advertisements