San Diego Part 5

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Fast besinnungslos vor Schmerzen fange ich nach einer Weile an mich ums Heck herum auf die andere Seite zu arbeiten. Die Harley immer im Gleichgewicht haltend. Es war ein unglaublicher Akt aus Kraft und Balance … wie in Trance erreiche ich die linke Seite und steige auf.

Hätte ich das geplant, es wäre mir nicht gelungen. Nicht das Aufrichten und nicht das Umsetzen. Erstaunlich was Adrenalin alles so anrichten kann.

Mit pochendem Bein arbeite ich mich auf den Highway zurück. Stock finster ist es mittlerweile und nach wenigen Meilen – Ironie des Schicksals – finde ich einen Campingplatz.

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Ich baue mein Zelt auf. Das ein oder andere Mal verlassen mich meine Kräfte und ich gehe wie ein gefällter Baum zu Boden. Der kleinste Stein, die geringste Unebenheit reichen aus um wieder diesen stechenden Schmerz auszulösen. Ich brauch über eine Stunde um mich einzurichten. Das Abendessen lasse ich ausfallen. Ich mache mich über meinen Rotwein her und versuche zu entspannen. Trost finde ich bei einem Telefonat mit Elke. In Deutschland ist es schon Morgen.
Ich überlege was ich tun soll. Vorsichtig laufen kann ich ja noch und wenn es morgen icht schlimmer wird fahre ich weiter. Ich kann nur ahnen was sich in meinem Knie abgespielt hat … schließlich ist schon seit 5 Monaten das Kreuzband gerissen …
Der Schmerz sitzt aussen, da wo bisher noch alles in Ordnung war.

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Trotz allem schlafe ich ganz gut. Zumindest bis 4.00 morgens. Der Weg zur Toilette zeigt mir wie angeschlagen ich bin. Bei Sonnenaufgang fange ich an zu packen. Ich beschließe erst einmal weiter zu fahren. Und wieder … als ich die Satteltaschen zum Motorrad tragen will stolpere ich über eine Zeltschnur. Wie vom Blitz getroffen gehe ich zu Boden. Leider lasse ich die schwere Tasche nicht los und mein linker Arm verdreht sich in der Schulter. Ich beiße die Zähne zusammen, ich habe Tränen in den Augen.

Insgesamt vergehen 2 Stunden bis ich Abmarsch bereit bin. Auf dem Highway halte ich an der ersten Tankstelle an und fülle das Benzinfass. Natürlich sind auch die Tankstellen weitläufig und das Tanken wird zur Qual. Tanken bedeutet Anhalten, Rein humpeln und Geld hinlegen. Danach Tanken, wieder rein humpeln und Abrechnen. Laufen geht nur noch im Schneckentempo und das auch nur mit Pausen. Sorgt zumindest für Gesprächsstoff. Bei der nächsten Tankstelle dann meint der anwesende Sheriff noch ob ich die Karre überhaupt unter Kontrolle habe … ich lächle gequält. Anhalten, Auf- und Absteigen ist ein Akt der Balance. Die Fußbremse kann ich nicht mehr benutzen. Ich kann das rechte Bein nicht belasten. Absätze werden Hindernissen und Treppen sind unüberwindlich.

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In Needles dann, an der klassischen Route 66 sehe ich das Schild einer Apotheke und halte an. Es geht mir mittlerweile sehr schlecht, auch die Hitze macht mir zu schaffen.
Ich steige ab und merke, ich kann nicht mehr laufen. Irgendwie schiebe ich mich zur Eingangstüre und rufe um Hilfe. Eine Dame eilt herbei und gibt mir einen Einkaufswagen um mich zu stützen. Wir beraten was zu tun ist da entdecke ich im Regal Gehilfen. Für gerade mal 20$ sind sie mein. Typisch amerikanische Krücken bei denen man sich auf den Achseln abstützt.

Es ist Mittag in Needles, es ist heiß, ich habe noch nichts gegessen und ich bin durstig. Bei einem mexikanischen Imbiss versuche ich mich an einem Burrito und versage kläglich. Nach 3 Bissen bin ich satt. Es geht mir nicht gut und so beschließe ich den Abbruch der Reise. Jedes Tanken, jeder Stopp ist eine Quälerei. Der kleinste Fehler lässt die Harley vermutich wieder zu Boden gehen. Das alles macht keinen Sinn mehr.

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Ich gehe auf den Interstate Highway, vergleichbar mit einer Autobahn und fahre in Richtung Los Angeles. Es ist heiß, um 15.00 erreiche ich Barstow, ebenfalls an der Route 66 gelegen. Ich nehme ein billiges Motel Zimmer und ruhe mich aus. In einem Supermarkt kaufe ich mein Abendessen für die Mikrowelle und beende den Tag. Schon dieser Einkauf deckt meine Hilflosigkeit gnadenlos auf. Ohne Rucksack organisiere ich mir im Supermarkt Plastiktüten welche ich mir ums Handgelenk wickle. Die Menschen sind extrem hilfsbereit. Um zum Motel zurück zu kommen muss ich eine 4-spurige Hauptstraße amerikanischen Ausmaßes überqueren. Im Feierabendverkehr und ohne Ampel. Auch hier, die Leute halten einfach an, egal wie lange es dauert, keiner hupt … mach‘ das mal in Frankfurt.
Morgens um 7.00 sitze ich wieder auf der Harley um die letzten 200 Meilen unter die Räder zu nehmen. Starker Gegenwind lässt die Schulter schmerzen, ich kann den Arm zeitweilig nicht mehr ohne die Hilfe des anderen vom Lenker nehmen. Ich erreiche San Diego, checke im Hotel ein und bringe das Mopped zurück zum Vermieter. Nach einem gepflegten Mittagessen beziehe ich mein Zimmer. Nichts geht mehr ohne Hilfe. Nichts kann ich tragen.

Am nächsten Tag dann steht noch der Abbau auf der Messe an. Irgendwie überstehe ich auch das. Glücklicherweise muss ich nur Anweisungen geben …
Nachdem ich mich sonntags nochmals ausruhen konnte geht es am Montag zurück. Ich fliege nach New York und … ja und ich strande in New York. Aufgrund der Vulkanasche gehen vorerst keine Flüge nach Europa.

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4 Tage harre ich in Queens, einem Vorort New Yorks in einem mittelprächtigen Hotel aus. Keine Kraft mir die Stadt anzuschauen. Ich verbringe die meiste Zeit auf dem Zimmer und arbeite. Ab und zu zu meinem Lieblings-Diner zum Essen. Im Hotel das Restaurant ist nicht zu ertragen.

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Wenigstens habe ich keine Schmerzen und das Wetter ist ganz nett. Nur ziemlich laut und schmutzig ist die Stadt. Ein Drecksnest wie ich finde … freiwillig würde ich hier nicht landen.

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Nach 4 Tagen dann endlich ein Ticket nach Hause. Zur Sicherheit bin ich sehr früh am Flughafen. Viel zu früh, ich kann noch nicht einmal das Gepäck aufgeben. Auch super, mit Krücken und dem vollen Gepäck 6 Stunden herumdrücken, doch auch das geht vorüber.

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Sehr kreatives und wirklich gute Essen gab es in Queens in meinem Lieblings-Diner … war eh der einzig erreichbare für mich.

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Am nächsten Tag lande ich glücklich in Frankfurt. Trotz allem war es eine schöne Reise! Ich bereue nichts. Diese schönen Stunden in der Wüste, also die vor dem Unfall, habe ich sehr genossen.

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